Der Schrecken der Wildnis?

In unserer zivilisierten Welt erscheint Wildnis oft als ein Ort des Schreckens. Die wilde Welt - das ist das Unkontrollierte, das Unwirtliche, das Unzivilisierte, das Bedrohliche, das Schaurige.

Dort kann einem etwas zustoßen: es gibt wilde Tiere, oder wilde, reißende Flüsse... es gibt den "Schrecken des Eises und der Finsternis"... Dorthin begibt sich freiwillig wohl nur, wer zuverlässigen Begleitschutz hat, und wenn es geht, nur für kurze Zeit - und man ist froh, wenn man wieder weg ist aus der Wildnis; oder?
Wer geht gern nachts allein durch den Wald?

Auch wilde Menschen können Schrecken einflößen. "Die Wilden" , das sind in der Literatur zumeist auch gefährliche Menschen: sie rauben, entführen, töten; vielleicht sind sie gar Kopfjäger oder, noch schlimmer, Kannibalen... zumindest aber sind sie unzivilisiert, pflegen rohe Sitten und Gebräuche. Sollten sie einmal nicht gefährlich sein, so sind sie doch zumindest bedauernswert.
Aber halt - da gab es ja auch den "edlen Wilden"!
Nicht nur in der europäischen Romantik bekommt der "Wilde" positive Züge. Auch objektive ethnologische Forschungen verweisen auf einiges Positives und Bewahrenswertes, ja Übernehmenswertes in der Lebensweise von Menschen, die noch nicht in den "Genuß" unseres abendländischen zivilisierten Lebens gekommen sind.

Was aber gibt es denn Bedeutendes und Bewahrenswertes an der Wildnis, an der ungestalteten, menschenfeindlichen Natur? Ist nicht der gestaltete Wildpark vorzuziehen, der nur noch wild aussieht, aber an der steilen Schlucht den Schutzzaun hat, damit keiner abstürzt, und wo Wölfe und Bären bereits ausgerottet und die giftigen Pflanzen mit einem Warnschild versehen sind? Und wo man auch andere Menschen trifft? Also vom Menschen kontrollierte "Wildnis", wie z. B. Nationalparks? Mit asphaltierten Wegen, damit auch Gehbehinderte dahinkönnen?

Warum ist aber die richtige, die schreckliche Wildnis auch Verlockung, Herausforderung, Gebiet für die Entfaltung unserer Abenteuerlust oder für unsere Sehnsucht nach dem völlig Anderen?
Für manche ist sie sogar Arkadien, Idylle, so etwas wie ein Paradies - aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

© Mechtild Opel 1998

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