Neufundland, Terra Nova

Helikopter über L'Anse aux Meadows (2000)

Neufundlands Nordwesten - Im Gros Morne National Park und auf dem Viking Trail (1996)


Helikopter über L'Anse aux Meadows (2000)

Ein Helikopter zieht seine Kreise über dem Meer, den vorgelagerten Inseln, die Küste entlang und landeinwärts. Er fliegt tief genug, um mit seinem Lärm das Stimmengewirr zu übertönen, das aus der Menschenmenge dringt, die sich am Rand der Bucht versammelt hat.
Es sind reichlich Zehntausend Menschen, die sich heute bei strahlendem Sonnenschein hier am Nordende der Insel Neufundland, in einer ansonsten einsam gelegenen Bucht, zusammendrängen, um an einem ganz besonderen Ereignis teilzunehmen.

Vor tausend Jahren landeten hier Seefahrer aus Europa: Wikinger hatten von Grönland aus das Meer überquert und nach neuen Küsten zur Besiedelung gesucht. Hier, in der Bucht von L'Anse aux Meadows, waren in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts Überreste von Häusern, Ställen, Eisenschmelzöfen und Schmiedewerkstätten freigelegt worden, die sowohl die Überlieferungen der isländischen Sagen als auch die Theorien der Wissenschaftler bestätigten: es handelt sich tatsächlich um einen Siedlungsplatz von Nordeuropäern, lange bevor Columbus den neuen Kontinent bereiste, etwa aus dem Jahr 1000 unserer Zeitrechnung.

Heute, am 28. Juli 2000, landen hier wieder Boote: eine Flotte von 13 Schiffen im Wikinger-Look, angeführt von der "Islendingur", einer Replik eines 1000 Jahre alten Wikingerschiffes, erbaut und geführt von Gunnar Marel Eggertsson, einem Isländer und direkten Nachfahren von Leif Erikson. Dieses Schiff war schon seit Mitte Juni auf der gleichen Route unterwegs, die die Vorfahren vor 1000 Jahren verfolgten: von Island über Grönland nach dem sagenhaften Vinland, so benannt von Leif Erikson.

Norstead Um 14.00 soll die offizielle Zeremonie beginnen. Noch ist kein Segel zu sehen. Dafür kommt Unruhe in den Reihen auf, als einige dunkle Limousinen vorfahren: Staatsgäste, die sich zur Tribüne begeben. Diese ist auf dem höhergelegenen Gelände vor den Gebäuden aufgebaut, die den Platz um die Bucht markieren. Hier entstand in den letzten Wochen Norstead, ein neues "Dorf" aus historisierenden Bauten - ein Wikinger-Langhaus, eine Werkstatt, ein Bootsschuppen und eine Kirche in der Bauart des 10. Jahrhunderts. Am heutigen Tag ist der historisierende Gesamteindruck nicht so gut wahrnehmbar - denn dicht an den Gebäuden haben Fernsehstationen ihre Technik aufgebaut, Satellitenschüsseln ragen über den Dächern auf, und vor den Gebäuden bewegen sich zahllose Menschen. Auf einer Bühne gibt es kulturelle Darbietungen und Musik.
Unten am Ufer, hinter einer Absperrung, in der Mitte der Bucht, bewegen sich Männer und Frauen in Wikingerkostümen: schwatzen, hantieren mit Requisiten herum, machen einen Tanz mit Schwertern.

Islendigur Islendigur Es geht ein Ruck durch die Reihen, die Leute drängen sich noch weiter nach vorn an die Absperrungen, Fotoapparate und Kameras werden hochgehalten; die verkleideten "Wikinger" am Ufer heben die Hände über die Augen, spähen über das Meer und brechen in Jubelrufe aus: Schiffe kommen in die Bucht gesegelt. Wer weiter vorn an der Landzunge steht, kann die "Islendingur" noch unter Segeln sehen, doch das Schiff hat zuviel Fahrt und das Segel muß heruntergenommen werden, wenn es keinen Unfall geben soll. Die Seefahrer, ebenfalls in historischen Kostümen, kommen schließlich an Land gerudert, denn die Bucht ist zu flach für die große "Knarre". Sie werden von den "Wikingern" an Land herzlich begrüßt, es gibt etwas fürs Auge und für die Fernsehkameras.

Schließlich wird die Mannschaft der Islendingur nach oben in Richtung Bühne geleitet, und der offizielle Festakt beginnt. Auch wir verlassen unseren Platz in der zweiten Reihe an der Hafenbucht und gehen das Ufer hinauf.

Kilautik Drum Dancers Auf der Bühne treten die Kilautik Drum Dancers of Nain, eine Gruppe von jungen Inuit-Frauen auf, sie trommeln und singen: eine Musikdarbietung voller magischer Kraft.

Chief Misel JoeDieser "Trommeltanz" bildete die Einleitung des offiziellen Festprogramms.
Im Anschluß daran wurden die Repräsentanten der Native People - der Inuit, der Innu und der Mi'Kmaq - vorgestellt. Der Häuptling der Mi'Kmaq, Chief Misel Joe, hielt als Vertreter dieser drei Nationen eine Ansprache.

Er begann mit der Aufforderung, eine Schweigeminute einzulegen für die vielen der Ureinwohner, die infolge der Einwanderung der Weißen zu Tode gekommen waren.
Diese Schweigeminute wurde durch den Helikopter gestört, der über dem Geschehen kreiste. Folgerichtig forderte Chief Misel Joe als nächstes den anwesenden Premierminister der Provinz Neufundland, Tobin, auf: "Take your helicopter away!"
Dann kam er zur Sache, hieß die Isländer willkommen, und schlug wieder den Bogen zu Geschichte: vor Tausend Jahren, als die Vorfahren der Isländer ankamen, wären vielleicht nicht sehr viele von seinem Volk dagewesen, um sie willkommen zu heißen.
Vielleicht hätten sie sie auch nicht gerade willkommen geheißen und waren möglicherweise nicht sehr freundlich. Im Verlaufe der Jahrhunderte hätte sein Volk jedoch infolge der Besiedelung durch die Europäer viel erlitten. Nun solle jedoch eine neuer Abschnitt der Geschichte begonnen werden, in dem die verschiedenen Völker einander willkommen heißen, einander helfen, einander heilen, voneinander lernen sollten. - Soweit die leider nur sinngemäße Wiedergabe seiner kurzen, prägnanten und gleichzeitig poetischen Worten, mit denen er diese große historische Aufgabe umriß, vor die uns die Globalisierung heute stellt.

Helikopter stört Chor In anschließenden Reden gingen sowohl Premierminister Tobin als auch der Vize-Premier Canadas, Gray (der mit Basecap und Wanderjacke auftrat), in ihren Festreden auf diese Worte des Chief Misel Joe ein. Selten habe ich den Festreden von Politikern mit soviel Interesse, Anspannung und Konzentration zugehört.
Schließlich traten noch der Außenminister von Island, dann Benedicte Ingstad (die Tochter des Wissenschaftlerehepaars, das die Fundstätte aufgespürt und ausgegraben hatte), sowie der isländische Schiffskapitän ans Rednerpult, bevor ein weiterer Höhepunkt folgte:
die Uraufführung eines eigens zu diesem Anlaß komponierten multinationalen Chorwerkes, aufgeführt durch Frauenchöre der Mi'Kmaq-Indianer, den Jugendchor des neufundländischen Sinfonieorchesters und einen skandinavischen Chor (Skolakor Karsness).
Dieses multinationale und multikontinentale Kulturereignis wurde wiederum stark durch den Helikopter gestört, der erfolgreich gegen den Wohlklang von über 100 Frauenstimmen ankämpfte, indem er direkt über dem Chor kreiste, dann still stand und langsam zurücksetzte - wahrscheinlich für eine günstige Kameraposition - bevor er dann wieder seine Kreise über das ganze Areal drehte.

© Mechtild Opel 2000


Neufundlands Nordwesten - Im Gros Morne National Park und auf dem Viking Trail (1996)

L'Anse aux MeadowsEs hat den ganzen Tag geregnet, und obgleich es Juli ist, ist es jetzt kurz vor 18.00 nicht mehr sehr hell. Das Thermometer zeigt 2 Grad plus; ich habe die Kapuze fest um die Ohren gezogen, und meine Hände sind ganz steif vor Kälte. Ich möchte sie lieber in die Tasche stecken als die Kamera zu halten, zumal die grünen Grasflächen ringsum keine so hervorragenden Motive abgeben. Der felsige Küstenstreifen an der Nordküste Neufundlands ist hier von flachen Wiesen bedeckt, nur hin und wieder ragen Büsche oder Felsbrocken hervor. Doch einige flache Erhebungen, mehrere Quadratmeter große, regelmäßig geformte Grasbuckel fallen auf. Direkt vor uns taucht ein niedriger Flechtzaun auf, dahinter ein großer Grashügel, der ganz unten niedrige Grassodenwände hat und sich als Hütte entpuppt. Wir finden eine Tür. Drinnen, direkt auf dem Erdboden, brennt ein Feuer, dessen Rauch durch eine Öffnung im Dach mehr schlecht als recht abzieht. An der Längswand der Hütte finden wir eine Sitzbank, wir lassen uns nieder und strecken die Hände dem wärmenden Feuer entgegen. Hinter uns auf der Bank liegt ein Schlafsack aus Schaffell, an den Stirnseiten des Hauses sehen wir altertümliche Gefäße und Gerätschaften. Wir befinden uns in einem Langhaus der Wikinger.

Als Jack Cartier 1534 die Küstengebiete Neufundlands erforschte, stieß er zu seinem Erstaunen auf bestehende Siedlungen baskischer und französischer Fischer. Doch auch die Fischer aus jenen Ländern, denen die Küsten Neufundlands vielleicht schon bekannt waren, bevor nach Columbus´ Reisen 1492 die Entdeckung eines neuen Kontinents verkündet wurde, waren nicht die ersten Europäer hier - und schon gar nicht die ersten Siedler. Diese dürften auf jeden Fall Inuit und Indianer gewesen sein, wie z.B. die vom Stamme der Beotuk, die durch die europäische Besiedlung im 18. und 19. Jahrhundert bekämpft und so dezimiert wurden, daß sie zu Beginn unseres Jahrhunderts ausstarben. Die ersten Siedler aus Europa aber waren Wikinger, die im Jahre 1000 an der Nordspitze der Insel überwinterten. Die Verhältnisse waren dann wohl zu unwirtlich zum Bleiben, vor allem kriegerische Auseinandersetzungen mit den Indianern führten dazu, daß die Siedlung wieder aufgegeben wurde. Archäologische Ausgrabungen in den sechziger Jahren hatten deren Überreste ans Licht gebracht, und wir wollten uns diese auf unserer Neufundlandreise ansehen.

Viking TrailDie Insel erreicht man - außer mit dem Flugzeug - nur mit dem Fährschiff von Nova Scotia aus. Von North Sydney nach dem Südwesten Neufundlands fährt es etwa sechs Stunden. Auf der Überfahrt erlebten wir einen herrlichen Sonnenuntergang auf See. Das Schiff hatte einige Verspätung, und es war bereits stockdunkel, als wir die Insel erreichten. Wir befürchteten schon, unser vorgebuchtes Bed & Breakfast-Quartier in der Hafenstadt Channel Port aux Basques nicht zu finden, aber mit Hilfe eines Stadtplanes, der auf dem Fährschiff ausgelegen hatte, klappte es auf Anhieb. Wir waren längst erwartet worden - nun konnte unsere Quartiermutter endlich schlafen gehen, und wir auch. Wir genossen das komfortable Nachtquartier und das reichhaltige Frühstück am nächsten Morgen, bevor wir uns auf den Weg in Richtung Norden machten.
Neufundlands Straßennetz ist im Vergleich zu Europa sehr spärlich. Einige Orte an der Südküste sind nur mit dem Schiff zu erreichen. Vom Highway 1, der etwa 200 km parallel zu Küste nordostwärts führt und dann zum Ostteil der Insel abbiegt, führen wenige Stichstraßen in Fischerdörfer oder andere abgelegenen Siedlungen, oft sind das kilometerlange Sackgassen. Das Land ist nur dünn besiedelt und hat riesige zusammenhängende Waldflächen, die von Flüssen, Seen und Sümpfen unterbrochen werden. Nachdem wir in Deer Lake vom Highway 1 abgebogen waren, um den "Viking Trail" weiter nach Norden zu verfolgen, nahm auch die Verkehrsdichte spürbar ab. Die Straße führte uns zunächst zum Gros Morne National Park, vorbei an den höchsten Bergen Neufundlands.

TablelandsThomas betrachtet kopfschüttelnd einen der schweren gelblichen Steine, der an manchen Außenflächen grauschwarze bis grünliche, durch Längs- und Querrisse entstandene Plättchen aufweist. Solche Steine haben wir noch nie gesehen. So weit wir schauen können, umgibt uns das eigentümliche Gestein: in allen Richtungen Geröllberge, kahle Abhänge ohne Vegetation. Gleich unsere erste Wanderung im Gros Morne National Park hatte uns zu einem der geologischen Phänomene dieses Parks geführt: die Tablelands. Das ist der Name einer Gruppe von kahlen Bergen aus stark mineralhaltigen Gestein, dessen Zusammensetzung kein Pflanzenwachstum ermöglicht. Wir wurden an Island erinnert, an vegetationslose, gebirgige Einöden, oder daran, wie man sich eine Mondlandschaft vorstellt. TablelandsDas Gestein ist hell und sehr hart. Es handelt sich hier um eine Gesteinsschicht aus dem Erdmantel, die durch den Zusammenstoß der Kontinentalplatten aus zehn Kilometern Tiefe an die Oberfläche gebracht wurde und sehr selten ist - daher ist dieses Gebiet von der UNESCO zur "World Heritage Site" erklärt worden. Die wenigen Pflanzen, die ihrer unwirtlichen Umgebung getrotzt haben, befinden sich meist in feuchten Senken in der Nähe von Wasserläufen, wohin vielleicht etwas Erde angeweht worden war. Doch die Hochfläche und die sie überragenden Hügel sind wirklich völlig kahl. Dies fällt um so mehr auf, weil die anderen Hügel und Berge ganz in der Nähe dicht bewaldet oder wenigstens begrünt sind. Die geologische Erforschung dieses Gebietes trug übrigens zur Bestätigung der Theorie der Kontinentaldrift bei.

Im über 1800 km großen Gros Morne N.P. gibt es mehrere Ortschaften, ein großes Besucherzentrum und eine Reihe weiterer sehens- und erlebenswerter Naturschauplätze, die einen mehrtägigen Aufenthalt ausfüllen können: tief ins Land eingeschnittene Fjorde, Sandstrände, Lachsflüsse, Elche, Karibus, Schneehühner, Schwarzbären ... - wunderschöne Natur und auch erdgeschichtlich interessante Plätze.
SteinbrockenNicht weit von den Tablelands laden die "Green Gardens" zu einem ausgiebigen Spaziergang hin zur Küste ein. In diese natürlich entstandene Parklandschaft brachten eiszeitliche Gletscher große Felsen und auch Steinbrocken aus den Tablelands, die hier als Fremdkörper mitten im fruchtbaren Grün stehen; an der Küste hingegen sieht man Reste vulkanischer Vergangenheit: Basaltfelsen, Kissenlava mit bei Ebbe zugänglichen Höhlen. Auf den fruchtbaren grünen Wiesen wachsen viele wilde Kräuter und Blumen.

Die Wanderung auf den Gros Morne Mountain (806 Meter) und zurück nimmt 7-8 Stunden in Anspruch; der Trail zur Bergspitze ist manchmal bis in den Juni hinein noch geschlossen, wegen Schnee, aber auch, um aufwachsende Wildtiere (z.B. Schwarzbären) nicht zu stören.

Ein merkwürdiges Verkehrsschild erweckte unsere Aufmerksamkeit: ein angebissener Apfelrest, das Schild rotumrandet und mit schrägem Balken durchgestrichen. Ein weiteres Schild: "Feeding wildlife is unlawful". Das leider so übliche Wegwerfen von Lebensmittelresten bringt große Probleme für die Koexistenz von wilden Tieren und Menschen im Nationalpark mit sich. Nicht nur, daß die Füchse ihre natürliche Scheu verlieren, betteln, sich unnatürlich fett fressen und Verkehrsunfälle verursachen, weil sie an den Straßen lauern: Auch die in entlegenen Regionen des Parks lebenden Schwarzbären werden angelockt und zeigen sich verstärkt auch in Gebieten, in denen die Menschen nicht auf die Begegnung mit ihnen eingerichtet sind. Darum war es notwendig geworden, daß am Eingang des Parks, im Visitorcenter, Handzettel ausgelegt wurden, die Verhaltensmaßregeln für die Begegnung mit Bären auflisten.

FossilBerühmt sind die Kalksteinformationen an der Küste im Nordteil des Gros Morne National Parks. Zum "Lobster Cove Head" westlich von Rocky Harbour führen mehrere Pfade vorbei am Leuchtturm hinab zur Küste, mit einer Treppe direkt ans Wasser. Der Strand wird durch massives mehrfarbiges, dunkles gefaltetes und geschichtetes Gestein gebildet: vorwiegend Dolomit, Schiefer, aber auch andere Einschlüsse, wir entdeckten ein etwa 15 cm großes versteinertes wurmartiges Lebewesen auf einer großen Schieferplatte. Durch die Gezeiten enstanden eine Reihe von Tümpeln, die von Wasserpflanzen und -tieren besiedelt waren. Die aufsteigende Flut vertrieb uns jedoch schnell wieder von diesem Strand.

Bei dem großen und schönen Gezeiten-Steingarten bei Cow Head hatten wir mehr Glück: wir erreichten den Strand bei Ebbe. Der Platz ist nicht leicht zu finden. Man muß im Ort Cow Head über den Damm zur Cow Head Peninsula; auf dieser vorbei am alten Friedhof und rechts vom Leuchtturm gelangt man durch dichten Tuckamore-Fichtenbestand an die Küste. Der geschichtete Kalkstein ist hier hell, und seine Schieferplatten stehen in starkem Winkel zur Erdoberfläche, oft fast senkrecht. So erfordert der Spaziergang stabiles, knöchelabstützendes Schuhwerk. Die Flut erneuert die Füllung von zum Teil recht tiefen Wassertümpeln mit interessanter Fauna und Flora. Seesterne, Jungfische und Wasserpflanzen verschiedenster Art besiedeln die Gezeitentümpel: die Natur als Gestalter eines prächtigen Wasser-Steingartens, auf den professionelle Gartengestalter mit Neid blicken könnten.

Einen spektakulären Anblick bieten die "Arches", dicht an der Küstenstraße am Strand, nördlich vom Gros Morne Park. Gewaltige Kalksteinfelsen, die einsam im Sandstrand stehen, sind vom Meer unterhöhlt worden, große Bögen wurden geformt und ziehen die Vorbeifahrenden an; viele unterbrechen hier die Fahrt für einen Foto-Stop.

Unser Bed & Breakfast-Quartier in Woody Point, im Süden des Parks, bot uns eine abgeschossene "Unit" mit zwei Schlafzimmern, Bad und Wohn-/Küchenraum. Hier hätten wir uns auch sehr gut selbst versorgen können. Da wir aber darauf gar nicht eingerichtet waren, machten wir vom Frühstücksangebot unserer Wirtsfamilie Gebrauch. Und für den Abend bekamen wir von ihnen einen heißen Tip: Das beste Fischrestaurant Neufundlands sollte sich gleich im Nachbarort, in Trout River, befinden! Wie wir dann feststellten, waren unsere Gastgeber gleichzeitig die Besitzer dieses direkt am Meer gelegenen Restaurants. Doch das Essen war tatsächlich nicht schlecht und die Speisekarte erwies sich als sehr vielseitig.

Graue Wolken verhüllten die Gipfel des Gros Morne Massivs, als wir am Morgen aufbrachen. Wir setzten unseren Weg nach Norden fort - bei immer schlechterem Wetter folgten wir dem Viking Trail. Die Straße wird nicht gerade stark frequentiert, aber wir sahen unterwegs doch wesentlich mehr Autos als Elche.

Ein Abstecher auf eine Landspitze Richtung West führte uns nach Port aux Choix. Hier informiert eine Ausgrabungsstätte mit angeschlossenem Museum über drei verschiedene alte Kulturen (die "Maritim Archaic Indian"-Kultur, die "Dorset"- und die "Groswater"-Eskimo-Gemeinschaften), deren Überreste (Werkzeuge, Waffen, Bekleidung, Haushaltgegenstände) hier an der Westküste aufgefunden worden waren. Das reiche Vorkommen von Meerestieren hatte den Menschen bereits vor mehreren Tausend Jahren das Leben hier ermöglicht. Die Ausgrabungsstätte an der Küste ist nur zu Fuß erreichbar; das ist bei starkem Nebel nicht ganz ungefährlich. Doch nicht nur bei schlechtem Wetter kann man ersatzweise eine Filmvorführung im Museum wahrnehmen. Auf dem Rückweg zum Viking Trail sahen wir in dem Dörfchen Cargamelle noch eine Attraktion: Ein Sammler (und Kunsthandwerker) hatte aus Knochenfunden das fast komplette Skelett eines Wales zusammengebaut und vor seinem Haus zur Schau gestellt.

Dichter Regen begleitete uns auf dem Weg an der Westküste entlang gen Norden. Hin uns wieder zeigten uns heftige Windböen, wie die bizarren Vegetationsgebilde aus dichtstehenden, schräg landeinwärts gewachsenen, kaum 1-2 Meter niedrigen Tuckamore-Fichtengebüsch mit ihrer kahlen West- und grünen Ostseite entstanden waren. Der anhaltende Regen trieb uns die Straße voran, bis wir am Abend L´ Anse aux Meadows erreichten. Noch war es hell, und wir suchten das Wikingerdorf auf. Eiskalter Nieselregen trieb uns bald in das rekonstruierte Wikinger-Langhaus, in dem ein wärmendes, aber heftig qualmendes Feuer brannte. Draußen waren es gerade mal noch zwei Grad plus. Angesichts dieser Witterung im Juli (!) zweifelten wir etwas daran, ob die Seefahrer vor knapp tausend Jahren hier den günstigsten Siedlungsplatz ausgewählt hatten. Doch müssen ihnen diese Zweifel wohl selbst gekommen sein, da sie im Jahr darauf diese Stätte wieder verlassen haben.

Die im Visitor Centre ausgestellten historischen Materialien sind meist Nachbildungen aus Europa, die mehr illustrieren als dokumentieren; die tatsächlich ausgegrabenen Fundstücke haben nicht einen solch großen Schauwert; doch die über die Siedlungsgeschichte neugewonnenen Erkenntnisse und Beweisstücke sind sehr bedeutend. Zuerst hatten nur die überlieferten altisländischen Sagas Hinweise auf eine Erforschung der westlichen Hemisphäre durch Leif Erikson gegeben, der bei seiner Heimkehr vom "Vinland" berichtete und weitere Fahrten der Wikinger in dieses Gebiet auslöste. Erst die Entdeckung dieser Stätte in Nordneufundland durch Helge und Anne Ingstad 1960 und die folgenden Ausgrabungen verwiesen diese Berichte aus dem Bereich der Legende in die Wirklichkeit, indem sie die Überwinterung von Nordeuropäern um das Jahr 1000 in einer Wohnsiedlung nachwiesen. Man fand sogar Hinweise für die Eisenerzverhüttung in einem primitiven Schmelzofen. Offenbar wurden Nägel zur Reparatur der Boote geschmiedet. Möglicherweise handelt es sich um den Siedlungplatz der Gruppe um Thorfinn Karlsefni und seine Frau Gudridur, deren Sohn Snorri der erste in Amerika geborene Europäer, oder der erste weiße Amerikaner war. Gudridur dürfte zu den weitgereistesten Frauen ihrer Zeit gehören: nicht nur, daß sie von Island aus den neuen Kontinent erreichte und dort ein Kind zur Welt brachte. Auch die Reise zurück nach Island war nicht ihre letzte - einige Jahre später unternahm sie sogar noch eine Pilgerfahrt nach Rom.

Wir waren froh, bei diesem Wetter und diesen Temperaturen Quartier im "Vinland Motel" in der ca. 50 km entfernten Stadt St. Anthony beziehen zu können. Der nächste Tag hingegen begann mit strahlendem Sonnenschein, der uns nach dem Frühstück nochmals zum Wikingerdorf lockte. Bei diesem Wetter sah die Bucht viel freundlicher aus. Wir spazierten den "Loop" um das ganze Gelände herum und suchten nochmals die Reste der Siedlung auf. Drei Bauwerke waren rekonstruiert worden, die anderen der im Laufe der Jahrhunderte zusammengesunkenen Gebäude sind immer noch "naturbelassen", es sind nach außen hin einfach grasbewachsene Hügelchen. Doch die Ausgrabungen haben ihre historische Existenz als feste Bauwerke und sogar ihre damalige Funktion (z.B. als Stall, Schmiede, Werkstatt, Lagerhaus...) nachgewiesen. Auf steinernen Fundamenten ruhten die Wände, deren "Ziegel" aus Grassoden bestanden, die im Laufe der Jahrhunderte blätterdünn zusammengedrückt worden waren.

In einer Kurve der Straße erblickten wir durch Lücken im Bewuchs das Meer, das im Sonnenlicht dunkelblau wirkte. Doch was schwamm da draußen - das war doch viel größer als ein Schiff! Wir stoppten das Auto. Am Straßenrand lag ein einsames Wohngrundstück, eine Frau winkte uns freundlich zu: "Come here to look at it!". Um den freien Blick auf das Meer zu bekommen, mußten wir in ihren Garten eintreten, der direkt am Steilufer lag. "Er kam heute morgen in die Bucht" sagte die Frau und zeigte nach draußen - auf einen bizarr geformten riesigen Eisberg. Er war um ein vielfaches größer als das gewaltigste Schiff, das wir je gesehen hatten. Der vorangegangene Schlechtwettertag und der kalte nächtliche Nordwind hatten dafür gesorgt, daß einige Eisberge in die Nähe der Küste getrieben wurden. Später, wir waren bereits auf dem Rückweg nach Süden, erblickten wir sogar vor der Westküste Neufundlands, am Übergang der Strait of Belle Isle in den St-Lorenz-Golf, einige kleinere Eisberge.

Das strahlende Sonnenwetter ermöglichte uns die Wahrnehmung der Umgebung der Straße, Blicke auf malerisch gelegene Fischerdörfer mit Bootsanlegestellen und aufgestapelten Hummerkörben. Die scheinbare Idylle verbarg nicht die Tristesse des harten Lebens der Bewohner: Wir hatten gelesen, daß die Fischerei aufgrund der Überfischung der Gewässer stark eingeschränkt werden mußte, auch der Hummerfang ist lizensiert und unterliegt einer Quotenregelung. Das bedeutet Einkommenseinbußen und Arbeitslosigkeit. Die kaum entwickelte Infrastruktur erlaubte nur wenigen den Wechsel in andere Berufsfelder. Man wartet darauf, daß eines Tages die Fische wiederkommen. Nur einige können mit Landwirtschaft und "Aquakultur" (Fischfarmen) ihren Lebensunterhalt verdienen. Landeinwärts gab es große Waldgebiete, meist mit dichtem Unterholz, in welchem wir ab und zu einen Elch verschwinden sahen. Kilometerweit lagen die Fischerdörfer auseinander. Gelegentlich sah man an freien Plätzen Reste von Holzeinschlag, oft lag ein selbstgezimmerter großer Holzschlitten daneben, mit dem sicher im Winter Brennholz zur Wohnstätte befördert wird.

Mit Verwunderung betrachteten wir hin und wieder kleine Gemüsebeete, meist mit Kartoffeln und ein oder zwei anderen Kulturen bebaut, mit Pfählen und Leinen notdürftig umzäunt und oft mit einer Vogelscheuche versehen, längs der Straße. Weit und breit war keine menschliche Behausung zu sehen, der nächste Ort lag vielleicht 30 km entfernt. Wahrscheinlich erfordert die Wirtschafts- und Infrastruktur Neufundlands die Selbstversorgung mit Frischgemüse; wie die Boden-Eigentumsverhältnisse sich diesbezüglich gestalten, blieb uns ein Rätsel. Man hatte den Eindruck, daß zufällig entstandene baum- und buschlose Plätze einfach individuell für Gartenbau genutzt wurden, ohne daß dazu jemand Landeigentümer sein mußte, und lediglich vor Wild geschützt wurden.

Alte KarteDa dies nur auf kleinsten Flächen nahe der Straße stattfindet, wird der Eindruck der unberührten Weite und Schönheit der neufundländischen Wildnis nicht beeinträchtigt. Dieses Land ist nun zwar seit Jahrhunderten bekannt und besiedelt: Abgesehen von der "Stippvisite" der Wikinger, ist es in Europa seit gut 500 Jahren bekannt; zunächst als "Stockfischland" ("Terra do bacalhão") in Reiseberichten und auf Karten des 15./16. Jahrhunderts - womit der Hinweis auf den Fischreichtum der Küstengewässer gegeben ist. Doch hat sich diese Insel offensichtlich immer gegen eine dichtere Besiedlung gesträubt, die Europäer fanden anderswo "wirtlichere" Gebiete. Die Klimaverhältnisse, die Rauhheit der Natur haben diese Insel letztlich vor zu großen Eingriffen der Menschen geschützt. So kann man hier auf riesigen Flächen noch wirkliche, ganz unspektakuläre Naturbelassenheit vorfinden. Selbst ansteigende Touristenzahlen werden hier wohl nicht so schnell zum Störfaktor wie anderswo - dafür sorgt die Unerschlossenheit riesiger Gebiete. "Solange es Wildnis gibt, gibt es noch Hoffnung", diese Worte von Paul Theroux gehen mir nicht aus dem Kopf, wenn ich über Bergbauprojekte lese: um die Arbeitslosigkeit zu senken, denkt man über die Erschließung von Gold-, Zink- und Kalksteinvorkommen im Landesinneren nach und beginnt eine sehr risikobehaftete Ölförderung vor Neufundlands Ostküste. Die Ölvorräte liegen genau in einem besonders stürmischen Teil des Atlantik und genau in der Driftlinie der Eisberge; die sehr wahrscheinlichen Unfälle können katastrophale Folgen haben, unter anderem auch für die Erholung der Fischbestände in den Küstenbereichen.

Man kann nur hoffen, daß die Neufundländer ihre herrliche wilde Natur genug lieben, um sie nicht dem "Wohlstand" zu opfern.

© Mechtild Opel 1996

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