Über Everett Ruess

Die "Kultfigur" Everett Ruess - oder: Nachfrage nach Wildnis in den USA

(In Ergänzung zu einem Artikel von Jenny Niederstadt in der Zeit Nr. 42 vom 14. Oktober, S.63)

Neulich konnte man in der "ZEIT" nachlesen, "wie der Amerikaner Everett Ruess durch sein Verschwinden zur Kultfigur wurde". Der im November 1934 im Südwesten der USA, im Zuflußgebiet des Escalante-River, im Alter von nur 20 Jahren verschollene Everett Ruess - Abenteurer, Naturbewunderer, Wanderer, Poet, bildender Künstler - fasziniert tatsächlich immer wieder und heute mehr denn je.

1998 wurden ein Independent Dokumentarfilm ("The Magnificent Obsession") sowie ein TV-Film ("Vanished!" - von Dianna Taylor, der Enkelin von Dorothea Lange) über Everett Ruess produziert; ein Artikel in National Geographic Adventure (April 1999) befaßt sich mit ihm; in einem Artikel des National Geographic Magazine im Juni 1999 über das "Grand-Staircase-Escalante - National-Monument" wird er als Kronzeuge für die Bewahrung der Schönheit dieser Wildnis aufgerufen; auf der Homepage von Gibbs Smith (dem Verlag, der Everetts Tagebücher publizierte) findet man im Bulletin Board wiederholt Anfragen nach Everett, nach Literatur über ihn und danach, wo man seine Grafiken kaufen kann; der Schriftsteller Mark A. Taylor schrieb 1997 das Buch "Sandstone Sunsets", einen Bericht der Selbstfindung auf den Spuren von Everett Ruess; Jon Krakauer bemüht in seinem Buch "Into the Wild", deutsch: "In die Wildnis", 1998, das Phänomen Everett Ruess zur Erklärung der Handlungsweise von Chris McCandless; und auch in deutschen Publikationen taucht Everett neuerdings auf, so im Geo-Spezial 6/98: Canyonlands USA, wo ein Artikel des amerikanischen Journalisten Scott Carrier über ihn abgedruckt wurde, und nun auch in der "ZEIT" Nr. 42 vom 14. Oktober 1999.

Daß ein vor 65 Jahren Verschwundener gerade heute eine solche Faszination ausübt, läßt sich nicht nur wie im o.g. "ZEIT"-Artikel mit "Lagerfeuerromantik mit einem Schuß Kerouac und Parallelen zum Fänger im Roggen", mit typischen Entwicklungsprozessen Jugendlicher, ihrem gewünschten Ausbruch aus der behüteten Gesellschaft, aus dem Establishment, erklären; es hat hier vor allem auch mit der einzigartigen Landschaft zu tun, in der Everett Ruess sich mehr und mehr heimisch gefühlt hat und die immer dann eine unwiderstehliche Sehnsucht in ihm erzeugt hatte, wenn er sich in den Städten aufhielt.

Das Exemplarische daran ist, daß einige Teile dieser Landschaft sich in den großen Zügen bis heute wenig verändert haben. Everett Ruess zog in den dreißiger Jahren (übrigens, an Frau Niederstadt: keineswegs als "erster Weißer") durch eine unwegsame Wildnis, eine labyrinthische, von tiefen Canyons und hoch aufragenden Felsgraten durchschnittene Halbwüste, spärlich bewachsen von Wacholder, Wermutbüschen, Grasbüscheln und Wüstenblumen. Trotz Erschließung in Nationalparks mit steigenden Besucherzahlen ist der Süden Utahs und der Norden Arizonas auch heute noch durch große zusammenhängende, unerschlossene Gebiete gekennzeichnet - eben Wildnis. Und diese Wildnis bietet auch heute noch eine Welt des Gegensatzes zu dem zivilisatorischen Druck, den Everett Ruess bereits vor 65 Jahren empfand:

Was den Zeitpunkt meines Besuches der Zivilisation anbetrifft, so wird das, glaube ich, nicht sehr bald erfolgen. Ich bin der Wildnis noch nicht müde; vielmehr erfreue ich mich immer stärker an ihrer Schönheit und dem Vagabundenleben, das ich führe. Ich ziehe den Sattel dem Auto vor, den sternüberzogenen Himmel einem Dach, den verborgenen und schwierigen Weg, der mich ins Unbekannte führt, irgendeiner befestigten Straße, und den tiefen Frieden der Wildnis der durch die Städte erzeugten Unzufriedenheit.

Everett Ruess erlebt die wilde Landschaft im Südwesten der USA nicht nur als lieblichen Gegenpol zu negativen Begleiterscheinungen der Zivilisation; er erfährt die Großartigkeit und Erhabenheit der Wildnis in einer Dimension, die sich sowohl im ästhetischen Genuß als auch durch die Erfahrung der Wildheit, Kraft, Gefährlichkeit, durch das Überschreiten eines den Menschen gefälligen Maßes manifestiert - die Schönheit einer Natur, die menschliches Wirken transzendiert.

Bei meinen Wanderungen in diesem Jahr bin ich mehr Risiken eingegangen und hatte mehr wilde Abenteuer als je zuvor. Und welch ein großartiges Land habe ich gesehen - wilde, gewaltige Ödlandflächen, vergessene Hochebenen, blaue Berge, die sich aus dem zinnoberroten Wüstensand erheben, Canyons, die am Grund nur fünf Fuß breit sind, aber hunderte Fuß tief, Wolkenbrüche, die namenlose Canyons hinunter brausten...

Aus freien Stücken nahm Everett Ruess damals eine Menge Unbequemlichkeit, Strapazen und auch Gefahren auf sich, als er vom Frühjahr bis zum späten Herbst zu Fuß oder manchmal auf einem Esel reitend, einen zweiten mit seiner Ausrüstung - Schlafsack, Kochgeschirr, Malutensilien, Büchern und einige Lebensmittelvorräte - bepackt, durch unwegsames Land zog, hoch aufragende Felsgrate erkletterte und tiefgewundenen Schluchten folgte. Im letzten Jahr seines kurzen Lebens hatte er sogar vor, in den versteckten Canyons der Escalante-Zuflüsse zu überwintern.

In einigen der heutigen Nationalparks der USA ist es ziemlich leicht, spektakuläre Naturphänomene bereits vom Parkplatz aus zu sichten; doch es ist ebenfalls möglich, sich noch beeindruckendere Naturerlebnisse zu erschließen, wenn man sich nicht scheut, zu wandern, zu zelten und sich anzustrengen.

"Die Natur wird zur bloßen isolierten geologische Eigenart, wenn sie leicht zu erreichen ist; sie wird auf den Umfang eines Dioramas im Museum herabgemindert; die Tourismusindustrie neigt dazu, die natürliche Welt darauf zu reduzieren." (Edward Abbey)

Ein Nach-Erleben des Weges von Everett Ruess kann nur in einer Natur möglich sein, die noch nicht auf das Maß eines "Dioramas im Museum" reduziert worden ist. In den USA gibt es zur Zeit große Diskussionen und politische Kämpfe um das Konzept der Nationalparke und um Wildnis. Macht man sie für immer mehr Menschen zugänglich, reduziert man gleichzeitig ihr Potential, diesen Menschen das Gewünschte auch zu geben. Umweltverbände und zum Teil auch Behörden streben nach der Einstufung großer zusammenhängender Gebiete, die noch nicht zersiedelt sind, als "Wilderness Areas". Das bedeutet u.a. das Verbot, dort weitere Straßen zu bauen. Dies stößt auf lebhafte Proteste seitens großer Teile der in den angrenzenden Gebieten lebenden Bevölkerung, die sich in ihrer wirtschaftlichen Entfaltung eingeschränkt sieht. Zudem wird auch seitens der Wirtschaft, besonders von solchen Konzernen, die Bodenschätze erschließen wollen, die massive Einflußnahme auf Politiker und Behörden zur Verhinderung oder Aufhebung von naturschützenden Einschränkungen versucht.

Vor zwei Jahren wurde das Gebiet Grand Staircase Escalante durch Präsident Clinton persönlich zum "National Monument" erklärt - dies beinhaltet den "Schutz der biologischen, historischen und kulturellen Ressourcen und der Naturwunder...". Damit ist der weiteren Erschließung und Ausbeutung eines riesigen, wilden und wunderschönen Gebietes im südlichen Utah mit schützenswerten Pflanzen, Tieren, archäologischen und geologischen Phänomenen - übrigens genau das Gebiet, in dem Everett Ruess verschwand - ein Riegel vorgelegt. Denkt man jedenfalls.

Die Realität sieht leider anders aus, trotz Recht und Gesetz und Verordnungen. Sperrschilder für Autos werden einfach entfernt. Bulldozer fahren in die Wildnis und legen illegale Wege an. Geländewagen-Rallyes werden veranstaltet. Der Erdölkonzern Conoco beantragt immer wieder Bohrgenehmigungen und durfte bereits eine Bohrstelle einrichten. Anliegende Gemeinden betreiben Erschließungsmaßnahmen, als würde es den Status "National Monument" überhaupt nicht geben; nicht wenige konservative Politiker unterstützen sie, und selbst staatliche Behörden unterlaufen das Gesetz. Dagegen wiederum setzen sich viele engagierte Menschen, beispielsweise die Mitglieder der SUWA (Southern Utah Wilderness Alliance) ein und rufen zu Aktionen zum Schutz der Wildnis auf.

"Wildnis ist kein Luxus. Wildnis ist ein Bedürfnis des menschlichen Geistes, so lebenswichtig wie Wasser und gutes Brot. Eine Zivilisation, die das wenige zerstört, was von der Wildnis übrig ist, das Spärliche, das Ursprüngliche, schneidet sich selbst von ihren Ursprüngen ab und begeht Verrat an den Prinzipien der Zivilisation. Unsere Liebe zur Wildnis ist mehr als ein Hunger nach dem, was außerhalb unseres Einflußbereichs liegt; sie ist ein Ausdruck der Loyalität zur Erde - der Erde, die uns hervorbringt und ernährt, die einzige Heimat, die wir kennen sollten, das einzige Paradies, das wir benötigen." (Edward Abbey)

In Deutschland gibt es kaum mehr Landschaften, die mit amerikanischer "wilderness" vergleichbar sind. Dominant sind flächendeckend vom Menschen geformte und genutzte Landschaften; nur wenige ausgewiesene Schutzgebiete bleiben etwas "naturbelassen", doch meist mit einer von Menschen gesteuerten und beeinflußten Entwicklung. Die Wiederherstellung von durch Menschen unbeeinflußten Lebensräumen, um gerade damit ein Stück menschlicher Lebensqualität zu schaffen, wird zunehmend auch in Deutschland von Naturschützern als Aufgabe erkannt. In den USA und in vielen anderen Ländern gibt es noch wirkliche, ursprüngliche Wildnis; und mancherorts hat man bereits erkannt, über welche schützens- und bewahrenswerten Kostbarkeiten man damit verfügt.

Die engagierten Aktivisten, die in den USA um die Bewahrung der letzten Wildnis ringen, berufen sich immer wieder auch auf Everett Ruess, und viele der von der Wildnis faszinierten jungen Leute lassen sich durch seine Erlebnisse anregen und inspirieren. Der junge Wanderer Ruess war vor allem ein poetischer, künstlerisch empfindender Mensch. In seinen Tagebüchern, Briefen und in seinen Zeichnungen hat er versucht, seine Begeisterung, seine Erfahrung dessen, was die wilde Natur ihm persönlich an Ausgleich, Trost, Erfüllung, Vision und Erleuchtung gab, mitzuteilen.
Everetts bildkünstlerische Arbeit (*) ist nur ein Teil seines Vermächtnisses; seine Briefe, Gedichte, Essays und Tagebuchaufzeichnungen, deren Buchausgaben sich heute großer Nachfrage erfreuen, haben noch nach 65 Jahren das Potential, die Menschen anzurühren. Was Everett mitzuteilen hatte, wird heute vielleicht besser verstanden als seinerzeit. Er stellte sich nicht gegen seine Gefühle, sondern vertraute ihnen und schlug einen Lebensweg ein, der ihn Einklang mit der Natur brachte. In einer Zeit, in der sich eine Konsumindustrie des wachsenden Komforts und der Bequemlichkeit zu entwickeln begann, in der das Alltagsleben der Menschen immer einfacher wurde - elektrische Haushaltgeräte, Zentralheizungen und viele andere Erleichterungen setzten sich damals in den Städten massenhaft durch - suchte er den unmittelbaren Kontakt mit der kraftvollen Natur, die Belastung langer Wanderungen durch rauhes und unzugängliches Gebiet, bei Staub und Hitze, um an Orte voller Magie und Schönheit zu gelangen. Dort ruhte er aus und las; und er zeichnete und schrieb, im Drang, mitzuteilen, was ihn im Inneren bewegte. Dabei war er keineswegs ein asozialer Aussteiger; er nahm jede Möglichkeit des Kontaktes mit anderen wahr; er besuchte Farmer, ging an die Lagerfeuer anderer Wanderer und war Gast bei den Indianern. Die Hopi ließen ihn sogar an sonst für Fremde verbotenen Tanzzeremonien teilnehmen. Everett Ruess flüchtete nicht vor den Menschen, sondern er war auf der Suche nach einer besseren Art, mit der Natur zu leben und sie bewußt zu erleben.

(*)Was übrigens die in den Artikeln in GEO bzw. auch in der ZEIT geäußerte Auffassung zur Qualität von Ruess' bildkünstlerischer Arbeit trägt, (er wäre "ein lausiger Künstler" - GEO, seine Bilder wären "zu schlecht" - Zeit), läßt sich m. E. nicht belegen; hier zeigt sich möglicherweise journalistische Überheblichkeit.
Es ist festzustellen, daß es überhaupt nur wenige erhaltene Bilder und Drucke gibt. Auf dem Kunstmarkt sind doe Originale durchaus rar und gesucht. Bei den wenigen bekannten Bildern, die in den "Wilderness Journals of Everett Ruess" oder auch in dem Buch von W. L. Rusho, "Everett Ruess - A Vagabond for Beauty" veröffentlicht sind, handelt es sich um Holzschnitte mit Landschaftsdarstellungen - Bäume, Felsen, Wolken - die stark an die expressionistische Kunst der zwanziger Jahre in Europa erinnern. Man muß natürlich auch berücksichtigen, daß Ruess noch am Anfang seiner Ausbildung als bildender Künstler stand. Wie die handwerkliche Ausführung war auch die Eigenständigkeit seiner Werke in Entwicklung begriffen, noch nicht ausgereift. Aber bei welchem namhaften Künstler war dies bereits im Alter von siebzehn bis zwanzig Jahren der Fall? Wäre Everetts Leben nicht so kurz gewesen - vielleicht hätte er noch Erstaunlicheres und Bedeutenderes zuwege gebracht. Immerhin waren namhafte zeitgenössische Künstler (Ansel Adams, Maynard Dixon, Dorothea Lange, Edward Weston) und Galeristen (Paul Elder) angetan von seinem Talent und seinen Arbeiten, auch wenn er zu Lebzeiten keine durchschlagenden Verkaufserfolge ereichte.
Das Argument, daß die Leute, denen Everett auf seinen Wandertouren seine Bilder anbot, diese selten kaufen wollten, kann ja wohl nicht als Qualitätsmerkmal angesetzt werden. Welcher gute und namhafte Künstler heute hätte wohl Verkaufserfolge bei Bauern und in Dorfläden?
(Übrigens: Eine Serie von Ruess' Original-Holzschnitten schmückt heute - sehr zum Stolz des Eigners und auch zur Freude der Gäste - ein Restaurant in Springdale am Rande des Zions National Park.)

© Mechtild Opel 1999

Literatur:
The Wilderness Journals Of Everett Ruess
Abbey, Edward: Desert Solitaire
Taylor, Mark A.: Sandstone Sunsets: In Search Of Everett Ruess
Rusho, W.L.: Everett Ruess. A Vagabond for Beauty



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