Forlandsundet

Der Eisfjord ist links und rechts von Bergen eingerahmt, unter ihnen auch einige schneebedeckte Gipfel, Dazwischen tiefe Einschnitte. Die meisten der graubraunen Berge wurden einst durch Gletscher am Gipfel flach geschliffen. Das Schiff wird von Eissturmvögeln, Möven und Lundis umgeben, auch eine Robbe taucht hin und wieder auf.
Den Forlandsundet erleben wir bei sehr ruhigem Wasser, durch das hier und da Eisschollen treiben. Die Berge beginnen, sich im eisdurchwirktem Wasser zu spiegeln. Die schabenden, knirschenden Stöße an den Schiffsrumpf werden immer häufiger.

Wir machen einen abendlichen Landausflug auf die "Kafeoyra", die Kaffee-Ebene, die ihren Namen der Kafeepause einer kartographischen Expedition verdankt.
Dazu ziehen wir uns zunächst mal warm an: lange Thermounterwäsche, Fleece-Jacke, Windjacke, Handschuhe, Mütze, dicke Socken und Gummistiefel. Wir legen die Schwimmwesten an, und der Zodiac bringt uns an Land. Am Ufer müssen wir noch eine Barriere aus Eis oder vereistem Schnee überklettern. Unser Begleiter mit dem Gewehr bittet uns, nicht auseinanderzulaufen und einen Maximalabstand von 50 Meter nie zu überschreiten, da er uns sonst nicht vor Eisbären schützen kann.
Die ersten Meter Strand zeigen keinerlei Vegetation, aber Reste tierischer Existenzen: Walknochen. Weiter innen gibt es hin und wieder Moose, Rentierflechten und schließlich Tundra-Vegetation: verschiedene Blütenpflanzen und sogar "Bäume", nämlich Polarweiden, die hier eine Höhe von ganzen 1 cm erreichen. Außer einigen Vögeln sehen wir keine Tiere, aber den Hinweis auf ihre Existenz: durch Rentiere frisch abgeweidete Flechten.

Da es total windstill ist, ziehen wir Mütze und Handschuhe bald aus und können sogar die Jacke öffnen. Der Permafrostboden läßt kein Wasser in die Tiefe dringen, dadurch ist der Boden schlickrig, stellenweise mußte man aufpassen, daß nicht die Gummistiefel steckenblieben. Die Steine liegen stellenweise in Oktogonen angeordnet, wenn man da entlang läuft, sinkt man nicht so tief ein.
Rechts von der Ebene, landeinwärts, begleitet uns eine Bergkette, die dann auseinander tritt und einem Gletscher, dem Aavatsmarkbreen, Platz macht. Wir besteigen die Seitenmoräne. Am Meer erblicken wir eine Hütte. Als wir näher herankommen, erweist sie sich als polnische Forschungsstation. Der Glaziologe aus Polen ist jedoch nicht zu Hause, die Hütte ist verschlossen und gegen Eisbären zusätzlich mit einer quer davor gesteckten Schaufel gesichert. Unser Schiff war inzwischen weitergefahren und erwartete uns auf Höhe der Forschungsstation. Wir waren immerhin drei Stunden lang unterwegs gewesen, um eine Strecke von nur etwa 7 km und dann noch eine geringe Steigung (auf die Seitenmoräne) zurückzulegen. Zwischendurch hatten wir immer wieder den Blick auf das Segelboot genossen, das nun in etwa 100 Meter Entfernung in einer leichten Nebelbank auf dem glatten, nur durch Eisschollen strukturierten Wasser lag.

Die Berge hinter dem Gletscher bekamen durch das verhangene Licht der Mitternachtssonne ein merkwürdiges Leuchten - braune in graubraunen Tönen. Das Licht des Tages endete einfach nicht.
Trotzdem es Mitternacht ist, als wir wieder an Bord sind, denkt keiner an Schlafen. Außer vielleicht ich - drei Tassen heiße Schokolade machen mich schläfrig, und ich gehe Zähne putzen. Doch Wolfgang holt mich wieder an Deck: auf einer vorüberziehenden Eisscholle liegt eine fette Bartrobbe.
Schließlich siegt die Müdigkeit.
Im Laufe der Nacht wird die Eissituation kritisch. Es schabt und schrammt und stößt am Schiffsrumpf, daß uns Hören und Sehen vergeht. Als wir die Meerenge Saarstangen erreichen, klettert der Käptn auf den Mast, um zu schauen und zu überlegen. Schließlich entscheidet er, daß wir umkehren müssen. Das Manövrieren durch die Eisschollenfelder dauert jedoch noch Stunden. Wir schlafen nicht viel in dieser Nacht. Wir schippern aus dem Forlandsundet in südlicher Richtung heraus, um das Prins-Karls-Forland westlich zu umfahren. Irgendwann gegen Morgen haben wir dann die offene See erreicht, das Schiff rammt jetzt keine Eisschollen mehr, dafür stampft es gegen die Dünung.

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