Longyearbyen und Barentsburg

Der erste Blick auf die norwegische Siedlung Longyearbyen zeigt uns Funktionsgebäude - erst die des Flughafens, später Lagerhallen am Hafen. Das wirkt natürlich nicht idyllisch und auch nicht schön. Die meisten der übriggebliebenen Bergwerksanlagen sind heute technische Denkmale. Sie repräsentieren Geschichte. Auf ganz Spitzbergen zählen Artefakte aus der Zeit vor 1945 als denkmalswürdig, und es ist somit auch verboten, sie zu entfernen, als Souvenir mitzunehmen und dergleichen. (Das gilt auch für Stellen, die man mit mitteleuropäischem Maßstab betrachtet schlicht als Müllplatz bezeichnen würde, die jedoch geschichtliche Stätten einmaliger Art sind - so z.B. der Startplatz von Andreés Ballonexpedition zur Erkundung des Nordpols auf der Insel Danskoya.)

Am Berghang rechts vom Ort ragen dicke Holzpfähle etwa einen halben Meter senkrecht aus dem Boden, die oberen Enden sind schwarz verkohlt. Das sind Reste von Pfahlbauten. 1943, als deutsche Kriegshandlungen auf Spitzbergen übergriffen und die Siedlung evakuiert worden war, wurden Kohlehalden und Häuser in Brand gesetzt. Im naheliegenden Museum kann man mehr dazu erfahren, wie überhaupt zur Geschichte, Siedlungskultur und zur Natur Spitzbergens.
Ein Fluß teilt Longyearbyen in zwei Teile. Auf der linken Seite wird der Ort durch eine größere Anzahl ziemlich neuer und moderner Bauten, größtenteils aus Holz, geprägt: ein Hotel, die Universitätseinrichtung UNIS, Dienstleistungs- und Handelseinrichtungen, und farbenfroh gestrichene Reihenhäuser. Besonders im Kontrast zur Kargheit der bergigen Hänge dahinter vermitteln diese einen sauberen und freundlichen Eindruck. Wir überlegen, wie wohl der Unterschied zur russischen Siedlung Barentsburg sein wird - "weniger frische Anstriche", vermute ich.br> Unser Schiff verläßt diesen Ort der Zivilisation, und sofort dominiert die Natur, vor allem die sogenannte "unbelebte". Von den wenigen Tieren und Pflanzen der Insel ist in dieser Entfernung vom Wasser aus nichts wahrzunehmen - mit Ausnahme der Seevögel - stattdessen werden die Bilder unserer Wahrnehmung von den Linien der Berge, die den Fjord einrahmen, und den Farben des Gesteins, des Schnees und des Eises bestimmt.
Das Land wirkt unnahbar.

Beim heute so trüben Wetter erinnert Barentsburg vom Schiff aus gesehen an ein typisches ostdeutsches Industriegelände im Verfall. Auch beim Näherkommen wird dieser Eindruck nur teilweise revidiert. Hier und dort ist etwas defekt, z.B. die Isolierungen und Umbauungen der Fernwärmeleitungen haben dem Druck von Schnee und Wintersturm nicht gut standgehalten. Der Sommer hier hat jedoch gerade erst begonnen, und er wird in wenigen Wochen bereits wieder zu Ende sein. Es bleibt nicht viel Zeit für die anstehenden Reparaturarbeiten. Das gleiche Problem gibt es auch in den norwegischen Siedlungen. Hier in Barentsburg kommt jedoch noch eine Verschmutzung durch Kohlenstaub hinzu: durch ein Kohlekraftwerk der alten Bauart (auch "Dreckschleuder" genannt) und gleich daneben noch durch die Reinigungsanlage für die zu exportierende Steinkohle. Die Anstriche der Holzhäuser sind, wie vermutet, wirklich nicht so frisch und auch farblich eintöniger. Dafür gibt es aber recht viele große Backsteinhäuser in durchaus ordentlichem Zustand.
Es ist trotz des trüben Wetters auch nachts um 12.00 Uhr taghell. Die russische Bar hat denn auch keine Öffnungszeiten, sie öffnet bei Bedarf; z.B. wenn ein Schiff ankommt, auch um Mitternacht. Der '"Stolitzschnaja" ist gut, und die Stimmung steigt besonders bei den Franzosen unter unseren Reisegefährten, als der Barmann den Fernseher anmacht, wo soeben das Halbfinale für die Fußball-WM gelaufen ist. Wir verabschieden uns mit "Spassibo" und "Doswidanja" von den freundlichen Russen.

Am nächsten Tag erhalten wir noch eine Führung durch den Ort.
Die Menschen hier haben kein einfaches Leben. Die Führerin betont, wie glücklich die Menschen hier sind, es gäbe keine Probleme, sie könnten ohne Angst leben, es würde für alles gesorgt. Doch wir hören auch, daß die Segnungen aus Moskau immer geringer werden. Einmal im Monat gibt es ein Flugzeug der Aeroflot nach Longyearbyen. Man hat sich hier auf eine weitgehend autarke Lebensweise eingestellt. In einem Gewächshaus werden Zwiebeln, Gurken, Tomaten, Paprika und Salat herangezogen. Gegenüber ist eine Schweinefarm, daneben werden Milchkühe gehalten. Eine große Sport- und Schwimmhalle und ein Kulturzentrum mit Bibliothek geben Freizeitaktivitäten Raum. Gegessen wird gemeinsam in der "Stalowaja" (Kantine). Das norwegische Postamt im Ort arbeitet mit russischem Personal.
Das Leben wird hier schon so "normal" sein, wie es in einer Arbeitersiedlung ist, in der es nur wenige Frauen und keine Kinder gibt. Seit dem Absturz einer Aeroflot-Maschine mit Frauen und Kindern an Bord vor einigen Jahren wurde hier die Schule geschlossen, und Frauen dürfen nur noch auf Besuch kommen. Natürlich gibt es auch Alkoholprobleme. Einmal in der Woche soll es Subbotnik geben, freiwillige Arbeitseinsätze für Reparaturen, Verschönerung, Ordnung und Sauberkeit. Doch man hat den Eindruck, daß da nicht viele hingehen.
Trotzdem wirkt der Ort bei Sonnenschein lange nicht so unfreundlich wie am trüben Abend zuvor.

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